Schlagwort-Archiv: Kunst

Von der Musik leben?

„Die Kunst ins reale Leben einbinden, darum geht´s.“

Lutz J. Mays, Bassist, Komponist, Autor und Lehrer

Lampenschirme baumeln im Biergarten über verstreut herumstehenden Tischen und Bänken. Ich ahne, was für ein wunderbarer Ort das hier an lauen Sommerabenden sein muss! Noch pfeift allerdings der Wind sehr heftig um den klotzigen Z-Bau in Nürnberg. Dem roten Backsteinhaus sieht man die Nazi-Vergangenheit auf Anhieb an. Ebenso wie dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, auf dem Grundstück direkt nebenan. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Amerikaner, heute ist der Z-Bau an der Frankenstraße ein Hort der Gegenwartskultur – ein buntes und weitläufiges Biotop für Kreative. Von den langen Fluren gehen Studios und Probenräume ab. Zerbrochene Schallplatten, Collagen, Graffiti und Flyer an den Türen zeigen, wer sich hier im Laufe der Jahre angesiedelt hat – vom Verein für Fahrradkultur bis hin zum Tonstudio sind hier alle Sparten vertreten. „Die Atmosphäre ist unglaublich belebend“, sagt der Bassist Lutz J. Mays, während er im ersten Stock auf seinen Schüler wartet. „Hier sind lauter Leute, die auch spinnen und ihren Wahn leben“, sagt er, und lacht. „Es tut gut zu spüren: Man ist damit nicht alleine.“

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Von der Bühne in die Kita

„Unser Team lebt von seiner Vielfalt“

Uwe Volkert, Tänzer und Erzieher

Susann Reese, Tanzpädagogin und Kita-Gründerin

Tür auf, an vielen kleinen Gummistiefeln, Regenhosen, einem Bollerwagen vorbei, und man fühlt sich sofort wohl. Die Wände der Münchner Kindertagesstätte „GemeinsamSein“ sind in warmen Rot- und Gelbtönen gestrichen und liebevoll bemalt. Eine Kladde steht aufgeklappt im Wandregal und zeigt ein Vögelchen mit Noten im Schnabel. Aha, die Eltern sehen beim Abholen also gleich, dass ihre Kinder heute Lieder aus der „Vogelhochzeit“ gesungen haben.

Durch das große Fenster im Eingangsbereich erblicke ich eine Harfe, das schöne Instrument fällt mir sofort ins Auge. Musik, Tanz und Bewegung spielen in diesen Räumen eine große Rolle. Genau deshalb ist Uwe Volkert hier. In blauen Hosen und einem weiten karierten Hemd betritt der Erzieher den kleinen Besprechungsraum. Sein Gang ist gerade, die Bewegungen elastisch – man sieht sofort, dass er viele Jahre als Tänzer auf der Bühne stand. Nicht mit klassischen Ballett-Kompanien, dafür war der Norddeutsche zu spät dran.

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Zwischen Kreißsaal und Werkbank

“Meine Kunst ist für mich Selenhygiene”

Anni Rieck, Hebamme und Künstlerin

Es sind die Hände, die mir sofort auffallen. Kompakt, kräftig, ohne Ringe. Hände, die zupacken können, mit hartem Stein arbeiten, Kinder auf die Welt bringen. Anni Rieck lacht, als sie mich an ihrer Haustür begrüßt. Der überraschte Blick, den ich in ihr „Atelier mit Bett“ werfe, dürfte ihr bekannt vorkommen. Auf 64 Quadratmetern lebt und arbeitet die Künstlerin – wenn sie nicht gerade auf der Geburtshilfestation einer Münchner Klinik ist und werdenden Eltern bei der Geburt ihrer Babys hilft. Überall hängen filigrane Objekte aus Draht und Papier von der Decke. Auch in der Küche, in der ganz offensichtlich überwiegend Espresso gekocht wird. Herd und Spüle sind hier Nebensache. Wo sich andere gemütlich zu Tisch setzen würden, steht eine alte Werkbank mit metallenen Beschlägen. Tiefe Risse und Kerben haben sich ins Holz gegraben, Werkzeuge liegen griffbereit. Ein richtig schönes Stück, das den Raum dominiert und zeigt, worum es hier in erster Linie geht. „Die habe ich mir zu meinem 40. Geburtstag geschenkt“, sagt Anni Rieck. Auch drei Jahre nach dem Kauf noch ganz zappelig vor lauter Freude und Begeisterung über diesen Coup. „An dieser Bank habe ich vor langer Zeit zum allerersten Mal in meinem Leben künstlerisch gearbeitet.“

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Kreativ im Quartier

„Mit dem fertig gemalten Bild hört die Kunst nicht auf“

Jürgen Enninger, Leiter des städtischen Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft in München

Was haben Architekten, Designer, Spiele-Entwickler, Musiker, Autoren, Maler, Werbeleute oder Filmemacher gemeinsam? Sie alle arbeiten in schöpferischen Berufen, meistens aus einem tiefen inneren Antrieb heraus, und schauen dabei nicht groß auf die Uhr. Leben und arbeiten lassen sich oft gar nicht so trennen – man tut das, was man tut, ja schließlich gerne! In der öffentlichen Verwaltung werden diese Berufsgruppen unter dem etwas sperrigen Begriff der „Kultur- und Kreativwirtschaft“ subsumiert. Was sehr schön zum Ausdruck bringt, dass Kulturschaffende in ihrer Gesamtheit durchaus nennenswert zum Bruttosozialprodukt beitragen. Immerhin handelt es sich um den drittgrößten Wirtschaftszeig in Deutschland, direkt nach der Automobil- und Chemieindustrie. Schade nur, dass die einzelnen Künstler und Kreativen von ihrer Arbeit kaum leben können. Buchhaltung, Preisverhandlungen und Marketing gehören in der Regel nicht zu den Kernkompetenzen freischaffender Künstler. Weiterlesen

Kunst ist mehr als ein Invest

„Ich muss etwas Sinnvolles tun“

Eva Mueller, Kunstberaterin

Was hat eine Expertin, die Unternehmen bei der Auswahl von Kunst berät, eigentlich an den eigenen Wänden hängen? Ganz ehrlich, ich habe gar nicht darauf geachtet. Es war dieser Gesamteindruck aus Farben (wow, eine goldene Wand im Flur!), Formen und Licht, der mich bei meinen Besuchen jedes Mal völlig eingenommen und fasziniert hat. Ich kenne das Häuschen in Grünwald, in dem Eva Mueller lebt und die Aktivitäten ihrer Kunstberatung organisiert, schon seit einigen Jahren. An einem Abend Anfang 2009 rutschten wir Netzwerkerinnen aus dem Münchner Wirtschaftsforum zwischen Kunstbänden, Frachtpapieren und Fotos in ihrem Arbeitszimmer zusammen und hörten wie gebannt zu, was Eva Mueller von ihrem Kunstprojekt in Amman berichtete. Über den Kontakt zu einer jordanischen Journalistin hatte sie eine Ausstellung konzipiert, die wenige Wochen zuvor in der renommierten Jordan National Gallery gezeigt worden war. Noch im letzten Moment drohte das extrem aufwendige Projekt, das Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus arabischen und europäischen Ländern zusammenbrachte, zu scheitern. Weiterlesen