Zwischen Kreißsaal und Werkbank

“Meine Kunst ist für mich Selenhygiene”

Anni Rieck, Hebamme und Künstlerin

Es sind die Hände, die mir sofort auffallen. Kompakt, kräftig, ohne Ringe. Hände, die zupacken können, mit hartem Stein arbeiten, Kinder auf die Welt bringen. Anni Rieck lacht, als sie mich an ihrer Haustür begrüßt. Der überraschte Blick, den ich in ihr „Atelier mit Bett“ werfe, dürfte ihr bekannt vorkommen. Auf 64 Quadratmetern lebt und arbeitet die Künstlerin – wenn sie nicht gerade auf der Geburtshilfestation einer Münchner Klinik ist und werdenden Eltern bei der Geburt ihrer Babys hilft. Überall hängen filigrane Objekte aus Draht und Papier von der Decke. Auch in der Küche, in der ganz offensichtlich überwiegend Espresso gekocht wird. Herd und Spüle sind hier Nebensache. Wo sich andere gemütlich zu Tisch setzen würden, steht eine alte Werkbank mit metallenen Beschlägen. Tiefe Risse und Kerben haben sich ins Holz gegraben, Werkzeuge liegen griffbereit. Ein richtig schönes Stück, das den Raum dominiert und zeigt, worum es hier in erster Linie geht. „Die habe ich mir zu meinem 40. Geburtstag geschenkt“, sagt Anni Rieck. Auch drei Jahre nach dem Kauf noch ganz zappelig vor lauter Freude und Begeisterung über diesen Coup. „An dieser Bank habe ich vor langer Zeit zum allerersten Mal in meinem Leben künstlerisch gearbeitet.“

Auch ein Kunstwerk braucht Zeit, bis es geboren ist

Anni Rieck, die im Spreewald aufwuchs und in Halle an der Saale zur Schule ging, ist seit 23 Jahren Hebamme. Mehr als 1800 Kinder hat sie in dieser Zeit auf die Welt gebracht. Ungezählt die vielen Eltern, die sie in schwierigen Stunden begleitet hat. „Eine Geburt ist ein archaisches, hochemotionales Ereignis“, sagt sie. „Ein wichtiger Moment, den die werdenden Eltern gemeinsam mit der Hebamme erleben – das schafft eine ganz besondere Nähe.“ Zierlich, die dunklen Haare zurückgebunden, ganz in Schwarz – Anni Rieck wirkt ebenso filigran wie ihre Kunstwerke, und dabei doch drahtig und voller Kraft. Sie liebt ihren Beruf als Hebamme – in den sie eigentlich eher zufällig hineingerutscht ist. Und doch wurde die Sehnsucht nach etwas anderem, nach einer schöpferischen, kreativen Tätigkeit immer größer. Vor mehr als zehn Jahren begab sich Anni Rieck auf die Suche. Sie begann Tango zu tanzen und besuchte eine offene Werkstatt in Sendling, die sie zufällig entdeckt hatte. Sie modellierte mit Ton, wagte sich an Holz heran – und als sie zum ersten Mal mit einem Spitzmeißel an Stein arbeitete, wusste sie: Da will ich hin! „Es war, als wenn man einen ersten Dominostein antippt.“ Sie mietete sich im Münchner Atelier Demenat ein und bildete sich in Bildhauerei und Kunsttherapie weiter. 2008 brachte die Zäsur: Anni Rieck verkaufte ihr Auto, suchte sich eine neue, viel kleinere Wohnung und fuhr alle Unkosten massiv herunter. Ihre Arbeitszeit im Kreißsaal begrenzte sie und investierte ihr Geld in ein Studium an der Privaten Berufsfachschule für bildende Kunst in München und in eine bildhauerische Weiterbildung.

Hin zu leichten, duftigen Materialien

Sie hat diesen Schritt nicht bereut. „Jedes Jahr habe ich mich ein Stückchen weiter in die Kunst geschoben“, sagt Anni Rieck. Sie arbeitete mit Stein, Holz, Bronze, entwickelte eigene Kursangebote, ist als Dozentin an der Kunstakademie EigenArt in Bad Heilbrunn beschäftigt und setzt zurzeit auch noch ein Kunsttherapie-Studium am IKT in Gauting obendrauf. Zu Hammer und Meißel greift sie in den letzten Jahren seltener – mit zarten Draht-Papier-Konstruktionen hat sie ihr Material, ihr Thema gefunden. Federleicht und zerbrechlich wirken diese Skulpturen. Fast laufe ich gegen eine mit Japanpapier umwickelte Halbkugel aus Draht, die mitten im Wohnatelier steht. Mit Hingabe spricht Anni Rieck über ihr luftiges Objekt und formt mit den Händen einen geschlossenen Raum. Einen Raum, der Schutz bietet und behütet, wie eine Gebärmutter. Die Skulptur war mir schon im vergangenen Jahr aufgefallen, als ich auf den Spuren von Kunst in Sendling durch die vielen kleinen Ateliers des Stadtviertels streifte. Wie ein Kokon schwebte sie an fünf Fäden im Raum, als ich die Stiege zum Dachboden der Bildhauerin Gisela Drescher erklomm, wo Anni Rieck ausstellte. Zart und unschuldig wie das junge Leben – das war mein erster Eindruck, als ich mich umschaute. Es passte daher gut ins Bild, auf einem Tischchen eine Unterschriftenaktion zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Hebammen zu finden. „Ja“, sagt Anni Rieck und lächelt. „Da habe ich mich zum ersten Mal politisch geoutet.“

Für die Kunst verheizen lassen?

Bei aller Liebe zur Kunst: Ihren Beruf als Hebamme will sie nicht aufgeben. „Ich merke immer mehr, wie besonders das ist, was da bei einer Geburt passiert und wie sehr es meine Wahrnehmung verändert“, sagt Anni Rieck. „Das ist eine Quelle für meine Kunst.“ Es spielen jedoch auch sehr handfeste Gründe eine Rolle. „Ich kann nicht schöpferisch tätig sein, wenn ich nicht weiß, wovon ich die Miete bezahlen soll“, sagt sie und erinnert mich in diesem Moment sehr an meine Begegnung mit Jürgen Enninger. Viele ihrer Kollegen sehen das anders. Du musst dich entscheiden, du musst brennen für die Kunst, entweder ganz oder gar nicht: Mit Kommentaren wie diesen wird sie immer wieder konfrontiert. „Es nervt!“, sagt Anni Rieck. Denn sie beobachtet sehr wohl, was es für Kreative bedeutet, von der Hand in den Mund zu leben. „Mit Künstlern wird rumgeschachert“, stellt sie fest. „Sie leben volles Risiko. Aber wenn ich wenig zuzusetzen habe, merkt das mein Gegenüber – und dann habe ich sehr schlechte Karten bei Verhandlungen.“ Das wollte sie sich nicht antun. „Meine Arbeiten sind meine Kinder, für die ich Wertschätzung erfahren möchte“, betont sie. „Ich will mich nicht auf jeden faulen Deal einlassen müssen.“

Wie sind Sie eigentlich Hebamme geworden?
Ich bin da im Grunde so reingerutscht. Meine Mutter war immer sehr klar – einfach nur rumsitzen war da nicht! Schon als Schülerin hatte ich in den Ferien immer einen Job – in der Küche einer Eisdiele oder in der Konservenfabrik, Spreewalder Gurken verpacken. Ich fand das nicht immer toll, aber den Wert des Geldes lernt man wirklich zu schätzen! Nach dem Abi hätte ich gerne etwas Gestalterisches gemacht. Buchillustratorin fand ich interessant, oder eine Ausbildung zur Bleiverglaserin. Aber darauf bin ich zu spät gekommen und hätte noch ein ganzes Jahr warten müssen, um anfangen zu können. Da hat meine Mutter, die als Laborantin gearbeitet hat, die Sache in die Hand genommen und mir ein Praktikum in der Geburtshilfe vermittelt.

War das nicht heftig, als junges Mädchen zum ersten Mal eine Geburt zu erleben?
Das waren alles ganz gestandene Frauen. Ja, es tut weh, aber es gehört zum Leben dazu. Mit dieser Einstellung kamen sie, bekamen mit großer Gelassenheit ihre Kinder, und gingen wieder. Ich kann mich an die erste Geburt gar nicht mehr so richtig erinnern. Aber ich fühlte mich auf dieser Station sehr wohl und wurde völlig gleichberechtigt behandelt. Die harte Schule kam dann später, in der Ausbildung: Tupfer drehen und Kreissaal putzen…

Es hat Ihnen also so gut gefallen, dass Sie Hebamme werden wollten?
Naja. Irgendwann hat mich der Stationsarzt zu sich gerufen und meinte, ich würde mich ja nicht dumm anstellen und könne mit Leuten umgehen: Ob ich mich nicht an der Hebammenschule bewerben wolle? Ich hab das dann auch gemacht, allerdings so ein bisschen halbherzig …. Und wurde glatt angenommen. Heute weiß ich, dass ich genau an dem richtigen Platz angekommen bin.

Was war mit den Bleifenstern, hatten Sie die völlig vergessen?
Kannst ja immer noch überlegen, ob du wechselst, hatte ich mir zu Beginn so gedacht. Aber dann habe ich die Ausbildung doch durchgezogen. In der Zeit habe ich viele Leute von der Modeschule kennengelernt, das war eine sehr lebendige Szene in Halle. Wenn ich mit denen zusammen war, fühlte ich mich verstanden und total lebendig. Auch das Abschlussprojekt habe ich mit ihnen gestaltet – das war einfach toll! Ich hätte sicher einen anderen Weg eingeschlagen und was Kreatives gemacht – aber justament im letzten Jahr der Ausbildung habe ich meinen Ex-Mann kennengelernt und bin nach München gegangen.

Auch in München gibt es eine lebendige Kunstszene….
Ich war 23, wir brauchten Geld. Ich fing also in einer großen Klinik als Hebamme an.

Sprung in die Selbstständigkeit

Das an eine Universität angedockte Krankenhaus war eine gute Schule für die junge Hebamme. „Ich habe die ganze Pathologie hoch und runter kennengelernt.“ Sie begleitete viele Geburten und entwickelte die Fähigkeit, Komplikationen zu erkennen und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu sein. „Wenn ich zum Beispiel ein bestimmtes Herzmuster höre, werde ich sofort aufmerksam und denke sofort fünfmal um die Ecke, was dahinter stecken könnte.“ Fünf Jahre lang arbeitete sie in dem großen Klinikum. Bei jedem Dienst waren zwischen drei und fünf Frauen da, die betreut werden mussten. „Bei zwei Hebammen ist das ein ziemliches Rennen.“ Irgendwann fing es an, sie zu erdrücken. „Ich will Menschen bei der Geburt ihres Kindes begleiten und nicht permanent zwischen verschiedenen Kreißsälen hin- und herspringen“, sagt sie. Eine Kollegin riet ihr zur Freiberuflichkeit – und Anni Rieck sprang. Seitdem arbeitet sie in Pasing in einem kleinen Team und genießt es, die Geburtshilfe aktiv mitgestalten zu können. „Als Hebamme habe ich viele Möglichkeiten, ein Paar zu begleiten und den Geburtsvorgang so zu beeinflussen, dass es ein intensives und positives Ereignis in ihrem Leben wird.“

Energie aus der Kunst schöpfen

Die Rahmenbedingungen für freiberufliche Hebammen sind schwierig. Vor allem die hohen Haftpflichtversicherungen, die sie abschließen müssen, haben sich zu einem Riesenproblem entwickelt. „Für ein normales Einkommen, muss ich als selbstständige Hebamme mehr arbeiten“, stellt Anni Rieck fest. „Aber dafür bin ich selbstbestimmter.“ Die Arbeitszeit im Kreißsaal hat sie in den letzten Jahren sukzessive zurückgefahren. Wie viel Kunst, wie viel Kreißsaal? „Etwa halbe-halbe“, sagt sie, und ihre Hände pendeln sich dabei auf gleicher Höhe ein. Ihre Freizeit ist eng getaktet, denn auch das auf vier Jahre angelegte Studium zur Kunsttherapeutin ist anspruchsvoll und fordert viel Zeit. Ein Kompaktwochenende im Monat, Lektüre, Zwischenarbeiten und 700 zu leistende Stunden Praktika lassen sich nicht so ohne weiteres ins Organisationsprogramm einpflegen. Zurzeit sammelt sie als Praktikantin drei Tage in der Woche fünf Stunden lang Erfahrungen in der Psychiatrie. Einen Tag ohne Kunst gibt es für Anni Rieck trotzdem nicht. „Wenn ich nach Hause komme, setze ich mich sofort hin und fange an, etwas zu gestalten“, sagt sie. „Das brauche ich für mich, die Kunst ist eine Energiequelle.“

Tanzende Paare im Wehenzimmer

Ihre beiden Berufe sind inzwischen eine Symbiose eingegangen: Wenn Anni Rieck ihren Dienst in der Geburtshilfe antritt, läuft sie an tanzenden Paaren aus Papier und Draht vorbei oder an einem Skulpturen-Trio aus mit Kupfer beschlagenem Holz. Seit einem Jahr stattet Anni Rieck die Abteilung mit ihren Kunstwerken aus, jedem Raum hat sie ihre eigene künstlerische Handschrift gegeben. Ihre Tuschezeichnungen, Skulpturen und Gemälde sind überall auf der Station zu finden. Auch die Kokons, in denen Anni Rieck eine Parallele zum Prozess der Geburt sieht: Es nistet sich etwas ein, beginnt sich zu verpuppen und zu entwickeln. „Als die Abteilung vor einem Jahr umzog und ausgebaut wurde, habe ich mit der Klinikleitung ein Kunstraum-Konzept entwickelt“, erzählt Anni Rieck. Ihre Idee war es, ihre Kunst an die Klinik  zu vermieten und so eine besondere Atmosphäre zu schaffen. „Jedes Werk, das hier hängt, ist ein Original, genauso wie jedes Kind, das hier zur Welt kommt“, betont sie. „Das ist ja auch ein Statement und zeigt, dass wir hier Wert auf eine individuelle Betreuung legen.“ Ihr Projekt kommt an: Anni Rieck stellt gerade eine zweite Ausstellung ihrer luftigen, zarten Kunst zusammen. „Da kommt mir natürlich meine Erfahrung als Hebamme zugute“, sagt sie. “Ich weiß, welche Atmosphäre Frauen unter der Geburt brauchen, um sich besser darauf einzulassen.” Die Hebamme und Künstlerin hat ein Gefühl dafür, wie sie ihre Werke positionieren und trotzdem mit künstlerischen Mitteln eine Geschichte erzählen kann. Es war ein langer Weg, bis das kreative Konzept im Krankenhaus umgesetzt war. „Ein Dreivierteljahr hat ich dafür gekämpft“, sagt Anni Rieck. Nicht nur für die werdenden Eltern hat sich ihre Beharrlichkeit gelohnt. Für sie selbst ist jeder Dienst inzwischen ein bisschen wie Nachhause kommen: „Es sind ja alles meine Babys!“

Fotos: Roland Schmid, Gunda Achterhold

Ein Gedanke zu „Zwischen Kreißsaal und Werkbank

  1. Uta Winkhaus

    Ich habe mich gleich auf die Webseite von Anni Rieck begeben: Was für wunderbare Stücke sie macht! So leicht – und so geerdet. Wie schade, dass wir hier in Berlin so weit weg sind. Aber vielleicht klappt ja beim nächsten München-Trip ein Atelier-Besuch? Wäre schön! Herzliche Grüße, Uta Winkhaus

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