Schlagwort-Archiv: Projekt

Von der Musik leben?

„Die Kunst ins reale Leben einbinden, darum geht´s.“

Lutz J. Mays, Bassist, Komponist, Autor und Lehrer

Lampenschirme baumeln im Biergarten über verstreut herumstehenden Tischen und Bänken. Ich ahne, was für ein wunderbarer Ort das hier an lauen Sommerabenden sein muss! Noch pfeift allerdings der Wind sehr heftig um den klotzigen Z-Bau in Nürnberg. Dem roten Backsteinhaus sieht man die Nazi-Vergangenheit auf Anhieb an. Ebenso wie dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, auf dem Grundstück direkt nebenan. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Amerikaner, heute ist der Z-Bau an der Frankenstraße ein Hort der Gegenwartskultur – ein buntes und weitläufiges Biotop für Kreative. Von den langen Fluren gehen Studios und Probenräume ab. Zerbrochene Schallplatten, Collagen, Graffiti und Flyer an den Türen zeigen, wer sich hier im Laufe der Jahre angesiedelt hat – vom Verein für Fahrradkultur bis hin zum Tonstudio sind hier alle Sparten vertreten. „Die Atmosphäre ist unglaublich belebend“, sagt der Bassist Lutz J. Mays, während er im ersten Stock auf seinen Schüler wartet. „Hier sind lauter Leute, die auch spinnen und ihren Wahn leben“, sagt er, und lacht. „Es tut gut zu spüren: Man ist damit nicht alleine.“

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Meine erste Ausgrabung im Orient

Luise Loges, Altorientalistin, Archäologin und Journalistin

Inmitten einer weiten Landschaft aus Sand erhebt sich der Tell Halaf. Die Grabungsstätte liegt im Nordosten Syriens und gehört zu den berühmtesten Ruinenhügeln des Nahen Ostens. Vor sieben Jahren kam ich als Studentin nach Syrien, um an einem Ausgrabungsprojekt mitzuarbeiten. Vom Flughafen in Aleppo aus fuhren wir mit dem Bus vier Stunden durch die Wüste, bis wir unser Ziel erreichten. Der Hügel mit den Überresten einer Zitadelle ist von weither zu sehen, umgeben von flachem Land mit vielen kleinen, sehr unscheinbaren Orten. Niemals hätte ich gedacht, dass ich die Straßen, die ich damals Tag für Tag überquert habe, jemals in den Abendnachrichten der „Tagesthemen“ sehen würde.

Wo wir uns im heißen Sommer 2008 mehrmals täglich Wassereis im kleinen Laden von Michel holten oder im Sandsturm hockten und aus dem ersten Grabungstagebuch von 1912 lasen, ist heute Kriegsgebiet. Häufig bin ich fassungslos, wenn ich die Nachrichten verfolge. Syrien, Irak – diese Länder waren für mich die Wiege der Zivilisation und hatten mein Interesse an der Archäologie überhaupt erst geweckt. Das Praktikum war meine erste Reise in den Orient und ich war geschockt, wie bettelarm die Menschen außerhalb der größeren Städte wie Damaskus oder Aleppo waren. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es gab durchaus auch unangenehme Begegnungen, aber wir lernten viele Leute kennen, die einfach nur toll waren und uns sehr freundlich aufnahmen. In dem Projekt arbeiteten wir mit Einheimischen zusammen, das war oft sehr lustig. Sie konnten kein Englisch, wir nur wenig Arabisch, aber wir haben uns immer irgendwie verständigen können! Das Land, das ich kennengelernt habe, gibt es heute nicht mehr. Über die Straße, auf der ich einer Familie beim Schächten eines Schafes zusah, rollen heute die Panzer. Und um die Prinzessin, die wir damals in einem mehr als 3000 Jahre alten Grab gefunden hatten, kümmert sich heute niemand mehr.

Syrien_Gouverneurspalast

Der assyrische Gouverneurspalast von Tell Halaf. Dort soll jetzt ein Artillerieabwehrgeschütz stehen.

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Zwischen Kreißsaal und Werkbank

„Meine Kunst ist für mich Selenhygiene“

Anni Rieck, Hebamme und Künstlerin

Es sind die Hände, die mir sofort auffallen. Kompakt, kräftig, ohne Ringe. Hände, die zupacken können, mit hartem Stein arbeiten, Kinder auf die Welt bringen. Anni Rieck lacht, als sie mich an ihrer Haustür begrüßt. Der überraschte Blick, den ich in ihr „Atelier mit Bett“ werfe, dürfte ihr bekannt vorkommen. Auf 64 Quadratmetern lebt und arbeitet die Künstlerin – wenn sie nicht gerade auf der Geburtshilfestation einer Münchner Klinik ist und werdenden Eltern bei der Geburt ihrer Babys hilft. Überall hängen filigrane Objekte aus Draht und Papier von der Decke. Auch in der Küche, in der ganz offensichtlich überwiegend Espresso gekocht wird. Herd und Spüle sind hier Nebensache. Wo sich andere gemütlich zu Tisch setzen würden, steht eine alte Werkbank mit metallenen Beschlägen. Tiefe Risse und Kerben haben sich ins Holz gegraben, Werkzeuge liegen griffbereit. Ein richtig schönes Stück, das den Raum dominiert und zeigt, worum es hier in erster Linie geht. „Die habe ich mir zu meinem 40. Geburtstag geschenkt“, sagt Anni Rieck. Auch drei Jahre nach dem Kauf noch ganz zappelig vor lauter Freude und Begeisterung über diesen Coup. „An dieser Bank habe ich vor langer Zeit zum allerersten Mal in meinem Leben künstlerisch gearbeitet.“

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Das erste Mal als Krisenmanagerin

Meret Brotbek, Procurement Managerin

Mit 24 hatte ich meinen ersten Einsatz als Sicherheits- und Krisenmanagerin in Qatar. Ein absolutes Megaprojekt mit 150.000 Mitarbeitern aus neunzig Nationen. Bei 50 Grad Hitze kam ich mitten in der Wüste an und der Anblick war überwältigend. Eine Riesenanlage aus gigantischen Kühlaggregaten, in denen Gas herunter gekühlt und zum Transport verflüssigt wird. Um mich herum ausschließlich Männer. Alle waren in unförmigen Schutzanzügen angezogen wie Astronauten. Ich wurde sofort davor gewarnt, einfach so aus dem Auto zu steigen – die Männer hatten seit Monaten keine Frau mehr gesehen. Das war der Moment, in dem ich mich fragte: Was tue ich hier eigentlich? Weiterlesen