Mein erster Einsatz als Rettungssanitäter

Tarek Nabih, Rettungsassistent und Medizinstudent

Ich war gerade eine Woche mit der Ausbildung zum Rettungsassistenten fertig, als wir nach Pasing gerufen wurden. Ein Mann war in seiner Autowerkstatt zusammengebrochen – Verdacht auf Herzinfarkt. Maximal zehn Minuten später waren wir vor Ort. Der Mann lag bewusstlos mitten in der Werkstatt, überall waren Menschen. So eine Situation ist auf den ersten Blick nicht leicht zu überblicken. Doch dann sahen wir die Kollegen: Die Automechaniker hatten sofort mit Herzdruckmassagen angefangen und knieten in voller Montur um den Chef herum.

Es war einer der ersten Einsätze, bei dem ich die Verantwortung trug. Nach dem Zivildienst, der Ausbildung zum Rettungshelfer und anschließend zum Rettungssanitäter war ich anderthalb Jahre als Fahrer auf einem Rettungswagen unterwegs gewesen und hatte dem Rettungsassistenten zugearbeitet. In dieser Zeit habe ich viel gelernt und konnte mich an schwierige Situationen herantasten. Ich hatte schlimme Sachen gesehen, auch Unfälle, insofern war ich auf den ersten eigenen Einsatz gut vorbereitet. Aber es ist dann doch etwas anderes, wenn es wirklich so weit ist. Ich hatte allerdings gar keine Zeit, darüber nachzudenken. In so einem Moment ist man total fokussiert und rattert sein Schema runter.

Das Zusammenspiel am Einsatzort muss stimmen

Die Ausgangslage war gut. Weil die Kollegen so geistesgegenwärtig gewesen waren, hatte es keine Versorgungslücke gegeben. Das ist das Allerwichtigste: Solange die Blutzirkulation nicht unterbrochen wird, stehen die Chancen gut. Der Patient lag auf dem Boden, zwischen den Autos in der Werkstatt, da war natürlich überall Dreck. Wir haben ihn intubiert, beatmet und mit Herzdruckmassagen bei zusätzlicher Beatmung weitergemacht. Auch die Kollegen von der Feuerwehr waren schnell da, sodass wir uns beim Drücken abwechseln konnten. Herzdruckmassagen kosten ziemlich Kraft und man sollte sich möglichst alle zwei Minuten abwechseln. Da ist Manpower gefragt!

Klare Ansagen sind wichtiger als Mitleid

Seit sieben Jahren ist Tarek Nabih als Rettungsassistent in München im Einsatz.

Hat viel über den Umgang mit Menschen gelernt: Tarek Nabih studiert Medizin und arbeitet als Rettungsassistent in München.

Die schnelle und direkte Versorgung des Patienten steht über allem, das ist klar. Wir sind allerdings für die Koordination aller Abläufe zuständig. Je mehr Menschen beteiligt sind, desto aufwendiger ist das. In Pasing standen mindestens 15 Leute um mich herum, aber für Empathie ist in so einer Situation kein Platz. Es hört sich vielleicht ein bisschen komisch an, aber die Betreuung von Angehörigen oder Kollegen ist in Akutsituationen zweitrangig. Ich kann nicht jedem erklären, was wir da gerade machen. Ich versuche, ihnen Sicherheit zu vermitteln und rede möglichst sachlich, um wenig Spielraum für Interpretationen zu lassen. In jedem Fall muss ich dafür sorgen, dass sich alle Beteiligten beruhigen, damit wir ungestört arbeiten können. Zur Not muss ich sie wegschicken. Eine klare Ansage ist viel wichtiger als Mitleid. Aber das muss man lernen.

Bei meinem Einsatz in Pasing waren viele Menschen vor Ort. Helfer von Behörden, Feuerwehr, Polizei, was schnell zu einem Kompetenzgerangel führt. Es gibt allerdings eine Regel: Wer mit der Behandlung begonnen hat, hat das Sagen. In diesem Fall war ich derjenige, der den Hut auf hatte. Und da kommt in so einem Moment sehr viel zusammen: Ich hatte dafür zu sorgen, dass die Herzdruckmassage geregelt ist, musste aufpassen, dass die Helfer oft genug wechseln und gleichzeitig darauf achten, dass eine gleichmäßige Druckfrequenz von mindestens 100 mal pro Minute beibehalten wird. Noch bevor der Notarzt eingetroffen war, wurde der Patient gezielt defillibriert, Adrenalin verabreicht und eine selbstständige Aktivität des Herzens wieder hergestellt. Nach der Übergabe erfolgt die weitere medikamentöse Behandlung dann durch den Notarzt. Entscheidend ist die Zusammenarbeit mit der eigenen Besatzung: Inwieweit kann ich auf meinen Kollegen zählen, wie selbstständig arbeitet er, hat er alles im Blick, wie viel Wissen und Praxiserfahrung bringt er mit? Viele kleine Schritte sind das, die ineinandergreifen müssen, damit der Abtransport reibungslos funktioniert. Im Notfall kommt es schließlich auf jede Minute an.

Viele Einsätze haben mit Alkohol zu tun

Das Herz des Mannes hatte wieder angefangen zu schlagen, wir fühlten seinen Puls. Er war sediert, medikamentös versorgt und konnte in die Klinik gefahren werden. Wir begleiteten ihn bis in die Notaufnahme. Dort wurde dem Mann ein Herzkatheter angelegt und ein Stent eingebaut. Nach zwei Wochen hat er die Klinik wieder verlassen können, ohne irgendwelche Folgen davonzutragen. Es war ein gutes Gefühl, alles richtig gemacht zu haben! Der Notarzt hatte mir ein positives Feedback gegeben. Bei Reanimationen kriegen wir immer eine Rückmeldung, wie gut die Versorgung war. Oft stellt sich das erst nach zwei Wochen heraus. Letztlich geht es immer darum, dem Patienten neurologische Defizite zu ersparen.

Inzwischen bin ich seit sieben Jahren im Rettungsdienst. Mit jedem Zugang, den ich gelegt habe, jedem EKG, das ich interpretieren musste, bin ich sicherer und ruhiger geworden. Was ich in dieser Zeit jedoch besonders gelernt habe, ist der Umgang mit Menschen. Es ist ja nicht so, dass wir jeden Tag Leben retten. Wir sind in den verschiedensten Stadtteilen und Gesellschaftsschichten unterwegs. Viele alte Menschen sind einsam und suchen bei uns seelische Unterstützung. Auch Sucht ist ein großes Thema. Mindestens ein Drittel unserer Einsätze hat mit Alkohol zu tun: Menschen stürzen und verletzen sich, haben chronische Beschwerden oder sind psychisch erkrankt. Ich habe gelernt, die Kommunikation so einfach wie möglich zu halten, damit kein Stress entsteht. Das funktioniert. Die größte Erkenntnis in dieser Zeit war für mich, wie sehr man durch sein eigenes Verhalten die Verhaltensweisen anderer beeinflussen kann.

Fotos: Klaus Achterhold/Gunda Achterhold

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