Schlagwort-Archiv: Kunst

Zwischen Kreißsaal und Werkbank

“Meine Kunst ist für mich Selenhygiene”

Anni Rieck, Hebamme und Künstlerin

Es sind die Hände, die mir sofort auffallen. Kompakt, kräftig, ohne Ringe. Hände, die zupacken können, mit hartem Stein arbeiten, Kinder auf die Welt bringen. Anni Rieck lacht, als sie mich an ihrer Haustür begrüßt. Der überraschte Blick, den ich in ihr „Atelier mit Bett“ werfe, dürfte ihr bekannt vorkommen. Auf 64 Quadratmetern lebt und arbeitet die Künstlerin – wenn sie nicht gerade auf der Geburtshilfestation einer Münchner Klinik ist und werdenden Eltern bei der Geburt ihrer Babys hilft. Überall hängen filigrane Objekte aus Draht und Papier von der Decke. Auch in der Küche, in der ganz offensichtlich überwiegend Espresso gekocht wird. Herd und Spüle sind hier Nebensache. Wo sich andere gemütlich zu Tisch setzen würden, steht eine alte Werkbank mit metallenen Beschlägen. Tiefe Risse und Kerben haben sich ins Holz gegraben, Werkzeuge liegen griffbereit. Ein richtig schönes Stück, das den Raum dominiert und zeigt, worum es hier in erster Linie geht. „Die habe ich mir zu meinem 40. Geburtstag geschenkt“, sagt Anni Rieck. Auch drei Jahre nach dem Kauf noch ganz zappelig vor lauter Freude und Begeisterung über diesen Coup. „An dieser Bank habe ich vor langer Zeit zum allerersten Mal in meinem Leben künstlerisch gearbeitet.“

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Kreativ im Quartier

„Mit dem fertig gemalten Bild hört die Kunst nicht auf“

Jürgen Enninger, Leiter des städtischen Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft in München

Was haben Architekten, Designer, Spiele-Entwickler, Musiker, Autoren, Maler, Werbeleute oder Filmemacher gemeinsam? Sie alle arbeiten in schöpferischen Berufen, meistens aus einem tiefen inneren Antrieb heraus, und schauen dabei nicht groß auf die Uhr. Leben und arbeiten lassen sich oft gar nicht so trennen – man tut das, was man tut, ja schließlich gerne! In der öffentlichen Verwaltung werden diese Berufsgruppen unter dem etwas sperrigen Begriff der „Kultur- und Kreativwirtschaft“ subsumiert. Was sehr schön zum Ausdruck bringt, dass Kulturschaffende in ihrer Gesamtheit durchaus nennenswert zum Bruttosozialprodukt beitragen. Immerhin handelt es sich um den drittgrößten Wirtschaftszeig in Deutschland, direkt nach der Automobil- und Chemieindustrie. Schade nur, dass die einzelnen Künstler und Kreativen von ihrer Arbeit kaum leben können. Buchhaltung, Preisverhandlungen und Marketing gehören in der Regel nicht zu den Kernkompetenzen freischaffender Künstler. Weiterlesen

Kunst ist mehr als ein Invest

„Ich muss etwas Sinnvolles tun“

Eva Mueller, Kunstberaterin

Was hat eine Expertin, die Unternehmen bei der Auswahl von Kunst berät, eigentlich an den eigenen Wänden hängen? Ganz ehrlich, ich habe gar nicht darauf geachtet. Es war dieser Gesamteindruck aus Farben (wow, eine goldene Wand im Flur!), Formen und Licht, der mich bei meinen Besuchen jedes Mal völlig eingenommen und fasziniert hat. Ich kenne das Häuschen in Grünwald, in dem Eva Mueller lebt und die Aktivitäten ihrer Kunstberatung organisiert, schon seit einigen Jahren. An einem Abend Anfang 2009 rutschten wir Netzwerkerinnen aus dem Münchner Wirtschaftsforum zwischen Kunstbänden, Frachtpapieren und Fotos in ihrem Arbeitszimmer zusammen und hörten wie gebannt zu, was Eva Mueller von ihrem Kunstprojekt in Amman berichtete. Über den Kontakt zu einer jordanischen Journalistin hatte sie eine Ausstellung konzipiert, die wenige Wochen zuvor in der renommierten Jordan National Gallery gezeigt worden war. Noch im letzten Moment drohte das extrem aufwendige Projekt, das Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus arabischen und europäischen Ländern zusammenbrachte, zu scheitern. Weiterlesen