Reingerutscht ins Marketing

Als ich mit Stephanie Perret zum ersten Mal ins Gespräch kam, dachte ich: Wow, was für ein Werdegang! Mir imponierte die Courage, mit der sich die 39-Jährige immer wieder neue Aufgaben sucht. Und die Energie, mit der sie sich für Menschen einsetzt, die Hilfe brauchen. Ohne Studium, aber mit einem guten Gespür bei der Wahl ihrer Arbeitgeber, war die Berufseinsteigerin nach einer Ausbildung zur Zahnarzthelferin ins Marketing gerutscht. Sie arbeitete für Konzerne wie Red Bull, organisierte „Hochzeiten auf der Alm“, nahm eine syrische Familie auf und engagierte sich nebenberuflich als Familienbegleiterin in der Kinderhospizarbeit. Daraus ist ein Beruf geworden:  Seit anderthalb Jahren managt Stephanie Perret die Öffentlichkeitsarbeit  der Stiftung Ambulantes Kinderhospiz in München. „In der freien Wirtschaft würde ich deutlich mehr verdienen“, räumt sie ein. „Aber meine Arbeit hier macht Sinn und das ist gut.“

Das Büro der Stiftung im Münchner Stadtteil Neuhausen ist ein anheimelnder Ort, an dem man sich sofort wohlfühlt. Die verglasten Räume wirken hell und transparent, die Atmosphäre ist familiär. Überall erinnern Bilder und Basteleien an Kinder, die von der Stiftung betreut worden sind. Mehr als 300 Familien begleitet die 2004 gegründete Einrichtung mit ihren eigens ausgebildeten Mitarbeitern im Jahr. Sie helfen, beraten und trösten, wenn die Welt auf einmal aus den Fugen gerät.

Frau Perret, Sie haben selbst zwei kleine Töchter. Ist der Umgang mit todkranken Kindern nicht belastend?

Das Sterben steht in unserer Arbeit gar nicht so im Vordergrund. Denn dieses Kind, dem ich begegne, lebt. Wir begleiten Familien über Jahre – und da passiert wahnsinnig viel und intensives Leben. Ich bin oft sehr beeindruckt, wie Kinder, die schon ein Bewusstsein dafür haben, dass sie todkrank sind, mit der Situation umgehen und wie sie darüber sprechen. Das ist so…. offen. Und so toll. Nach dem Motto: Ist doch gar nicht so schlimm, du stirbst doch auch und weißt nicht wann. Sie haben ja recht: So ein Schicksalsschlag kann uns alle jederzeit treffen, und deshalb finde ich es so wichtig aufzuklären. Denn niemand möchte dann alleine dastehen, sondern Unterstützung bekommen.

Tage mit Leben füllen

Welche Erfahrung machen Sie als PR-Frau, wie reagieren Ansprechpartner auf das Thema?

Wenn sie Kinderhospiz hören, ist das für viele ganz schrecklich. Da sterben Kinder! In den letzten Monaten zum Beispiel, da waren Sommer, Sonne und gute Laune angesagt. Das Thema Kinderhospiz passt da ja gar nicht rein, heißt es in der Ferienzeit immer.  Aber das passt doch super, sage ich dann, wissen Sie, was wir alles Tolles erleben? Ausflüge in die Berge nach Glentleiten oder unsere Lucy, die nach New York geflogen ist – da geht es um Leben, das sind total schöne und emotionale Geschichten. Natürlich kann man auch über den Tod erzählen, über das Sterben, und es hat auch genauso Platz bei uns. Aber es gibt eben auch die vielen anderen Geschichten, die ganz wichtig sind, um unsere Arbeit zu erklären.

Wo liegen denn die Unterschiede zur Hospizarbeit mit Erwachsenen?

In der Arbeit mit Erwachsenen begleitet man den letzten Weg. Die Kinderhospizarbeit setzt viel früher an, schon nach der Diagnose. Wir begleiten also eine viel längere Phase, deshalb brauen wir auch so viele Spendengelder. Wir betreuen ja nicht das kranke Kind allein, sondern das System Familie, mit Geschwistergruppen, Mütter- und Vätertagen. Wir sehen immer das große Ganze und schauen, wie die Familie mit diesem Schicksal umgehen kann.  Auch wenn das Kind verstirbt, stützen wir  alle Familienmitglieder in ihrer individuellen Rolle so, dass sie damit weiterleben können.  Das Leben wird nie wieder so wie es vorher war. Aber es ist schon ein Unterschied, ob es gut begleitet ist, sodass es nicht zum Trauma wird und sich als schreckliche Erfahrung durch das ganze Leben frisst.

Sie kommen aus dem Marketing, also aus einer ganz anderen Welt. Woher kam das Interesse?

Das war eigentlich immer da, ich hatte schon als Schülerin einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und habe mich gegen Ungerechtigkeiten aufgelehnt. Nach dem Abi wollte ich raus in die Welt und Menschen in anderen, weniger reichen Ländern helfen. In einem sozialen Projekt in Mexiko scheiterte ich mit meinen gerade mal 18 Jahren allerdings, weil ich mich von dem Elend nicht abgrenzen konnte.  Das war eine prägende Erfahrung für mich, ich kam mit einem sehr anderen Blick nach Deutschland zurück.

Was hatte sich verändert?

Ich erkannte, dass es auch hier genug zu tun gibt! Und ich hatte keine Lust, Zeit mit einem Studium zu verschwenden. Ich bin eher praktisch veranlagt und wollte herausfinden, was ich wirklich will und kann. Ein Faible für Sprache und fürs Schreiben hatte ich schon immer. Deshalb konnte ich mir gut vorstellen, für eine Werbeagentur oder für einen Verlag zu arbeiten. Wie das Schicksal so will, las ich die Anzeige von einem Zahnarzt, er suchte eine Zahnarzthelferin, also ganz was anderes. Spannend war, dass er einen Fachverlag dabei hatte. Und ich dachte mir, da steckt offensichtlich mehr dahinter. Und genauso war´s dann auch. Ich habe die Ausbildung abgeschlossen –  eine sehr gute! – und bin nach einem Jahr in die Verwaltung gewechselt.  Die Spezialisierung auf die ästhetische Zahnmedizin war damals noch relativ neu, ich fand es sehr spannend. Mein Chef schrieb Bücher zu dem Thema und ich betreute die Seminare für den Fachverlag. Wir haben eine Aktiengesellschaft gegründet, rund um dieses Thema, und kleine Minipraxen installiert, in denen  kosmetische Leistungen angeboten wurden. Zahnärzte unterliegen dem Standesrecht, deshalb kam es darauf an, Nischen zu finden und ein Konzept aufzubauen.

Überlegen, was die Leute da draußen wirklich wollen!

Und so rutschten Sie ins Marketing?

Genau, ich habe mich in die Themen wirklich reingefuchst! Es hat mir so Spaß gemacht zu überlegen, was die Leute da draußen wollen, was ansprechend ist und wie wir die Zahnärzte von unseren Angeboten überzeugen können. Dann zog Red Bull nach München und ich wurde sofort aktiv.  Sie suchten eine Rezeptionistin –  das war zwar auch nicht das, was ich wirklich wollte. Aber ich habe  mich einfach dort beworben – in der Hoffnung, dass sich daraus etwas ergibt.

Waren Sie für den Job nicht völlig überqualifiziert?

Doch, aber die Rezeption ist natürlich so ein Knotenpunkt und es gab viele tolle Veranstaltungen, wo viel zu organisieren war. Ich plane gerne und war mit viel Herzblut dabei. Gar nicht nur aus Karrieregründen, sondern weil es mir Spaß gemacht hat. Nach kurzer Zeit stieg ich ins Guest Management mit ein und schaffte nach zwei Jahren den Sprung in die Marketing-Abteilung. Nebenberuflich tobte ich mich mit meiner kleinen Eventagentur aus und organisierte Hochzeiten auf der Alm, was damals noch ziemlich nischig war.

War Ihnen langweilig?

Alle fünf Jahre wurde mir die Jacke zu eng, dann brauchte ich neue Herausforderungen. Einen Wendepunkt gab es 2011, kurz vor der Geburt meiner ersten Tochter. Bei Krug Mediapool hatte ich den Success  for Future Award mit entwickelt, einen Preis für nachhaltige Projekte. Wir arbeiteten mit vielen bekannten Persönlichkeiten zusammen, auch aus der Filmbranche, und wollten etwas initiieren, das auch in dieser schillernden Welt zum Nachdenken anregt. Der Schauspieler Hannes Jaenicke war in der Jury, und Thomas D von Fanta-4. Das sind Persönlichkeiten, die für mich unheimlich inspirierend waren. Über die Projekte stellte ich fest, wie man Probleme vor der eigenen Haustür direkt beeinflussen kann. Und was es für tolle Leute gibt, die sich für etwas engagieren.

 Warum haben Sie sich ausgerechnet für die Hospizarbeit entschieden?

Auf die Stiftung AKM wurde ich über einen Film aufmerksam. Ich fand das Thema wahnsinnig spannend, konnte mir aber vorstellen, dass sich in dem Bereich vielleicht nicht so viele engagieren, weil die Beschäftigung mit Tod und Trauer schwierig ist. Mir persönlich hat die Ausbildung zur Familienbegleiterin jedoch sehr viel gebracht – beim Sterben lernt man unheimlich viel übers Leben. Es öffnet den Blick und lässt einen das eigene Leben wieder wertschätzen. Und man lernt einfach so viel! Über Krisenkommunikation, Trauerrituale in verschiedenen Kulturen oder den Umgang mit Menschen in den verschiedenen Trauerphasen. Es war eine sehr bewusste und intensive Zeit, ich war selten so bei mir.

Wie viel Zeit muss man für die Ausbildung einplanen?

Ein knappes halbes Jahr. Es gibt die Möglichkeit Blockseminare zu machen, abends und an den Wochenenden. Deshalb lässt es sich auch mit der Berufstätigkeit verbinden. Am Ende macht man ein Praktikum, ich war im Herzzentrum und habe eine Sozialpsychologin über ein paar Tage begleitet. Diese Zeit muss man einplanen, maximal eine Woche.

 

Dort sind Sie dem ersten Kind begegnet, das sterbenskrank war. Bekamen Sie Zweifel?

Natürlich ist man in so einer Situation emotional, es tut einem in der Seele weh, wenn man diese kleinen, kranken Kinder sieht und erlebt wie die Mama weint. Aber in der Ausbildung lernt man, wo man sich abgrenzen muss, und ich habe schnell gemerkt, dass ich auf dieses Handwerkszeug gut zugreifen kann. Wir können die Probleme nicht lösen, aber wir können entlasten,  begleiten, stützen. Gerade wenn man so ein Macher ist, will man unbedingt etwas verändern, etwas anschieben, etwas gut machen. Aber das braucht es oft gar nicht. Manchmal reicht es, einfach da zu sein. Und das ist  oft auch schon schwer genug.

Nach gut drei Jahren als Ehrenamtliche übernahmen Sie die Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung AKM. Wie wichtig waren die Erfahrungen, die Sie vorher gemacht haben, für diese Aufgabe?

Mein Know-how und meine Kontakte sind das Fundament meiner Arbeit hier. Der rote Faden besteht aber vor allem darin, immer ein bisschen weiterzudenken und sich nicht einfach mit den Zuständen zufrieden zu geben. Es gibt Bereiche, die ich nicht beeinflussen kann. Aber ich habe die Macht, in meinem direkten Umfeld etwas zu bewirken. Mit unseren Marketingaktionen können wir dafür sorgen, dass die betroffenen Familien Gehör bekommen und gesehen werden. Die wenigsten Menschen haben eine Vorstellung davon, wie schwierig es für viele Familien ist, finanzielle Förderung oder Unterstützung zu erhalten.

Was ist für Sie besonders erfüllend in Ihrem Arbeitsalltag?

Ich spüre hier tagtäglich wie wichtig mir die Arbeit mit und am Menschen ist. Und ich erlebe, wie viele Familien ungelöste Konflikte und Blockaden mit sich herumschleppen. Dem würde ich gerne stärker auf den Grund gehen und denke deshalb über eine Fortbildung in der therapeutischen Beratung nach. Mit dem Vollzeitjob für die Stiftung lässt sich das nicht vereinbaren, das  wäre verantwortungslos. Deshalb habe ich mich schweren Herzens dazu entschlossen, in Zukunft nur noch ehrenamtlich für das AKM zu arbeiten und mir einen Job mit reduzierter Stundenzahl suchen. Der Entschluss, mich wieder auf etwas Neues einzulassen, kostet Mut. Aber ich habe mittlerweile Vertrauen in mich und sage mir: Das wird schon!

Bilder: Gunda Achterhold/privat/Münchner Mentoren e.V.

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