Das erste Mal im OP

Ulrich Nieper, Chirurg und Orthopäde mit eigener Praxis in München

Es war mein erster Tag im Praktischen Jahr, ich hatte gerade die Chirurgie in der Nußbaumstraße betreten, da packte mich ein Oberarzt und zog mich mit sich. „Sie kommen jetzt gleich mal mit in den OP!“, sagte er. Ich hatte gar keine Zeit, aufgeregt zu sein, es ging alles viel zu schnell. Die Patientin war schon narkotisiert. Ein Metalldraht, der am Ellenbogen eingesetzt worden war, hatte sich entzündet und musste dringend raus.

Ich hatte noch nie ein Skalpell in der Hand gehabt und schnitt vorsichtig fünf Zentimeter an der Narbe entlang. Das ist ein bisschen wie „Malen nach Zahlen“, nicht besonders schwierig. Aber es war natürlich beeindruckend zum ersten Mal selbst am Tisch zu stehen – drumherum die Schwestern, Pfleger und der Oberarzt, der auf eine sehr sympathische Art kumpelhaft war und immer hinter mir stand. Mit fünf kleinen Stichen habe ich die Wunde dann sorgfältig wieder vernäht – heute brauche ich für so einen Eingriff vielleicht noch sechs Minuten. Es war eine kleine Sache, aber mich hat es geprägt. Ich war mir ganz sicher: Das ist es, in der Chirurgie mache ich weiter! Dieser Oberarzt hatte mich wirklich positiv beeindruckt, und er hat meinen Berufsweg geprägt. Als Orthopäde habe ich mich auf Kreuzbandplastiken spezialisiert – den Ausgang dieser Operationen kann man kaum vorhersagen, jede verläuft anders. Manche Eingriffe sind sehr kompliziert und langwierig – ich kann mich jedoch nicht erinnern, jemals nervös gewesen zu sein. Das hat auch mit dem immer gleichen, standardisierten Ablauf zu tun: Patienten lagern, abdecken, die Narkose kontrollieren, die ersten Zugänge legen. Das läuft absolut routinemäßig ab und vermittelt selbst vor schwierigen Eingriffen Ruhe und Sicherheit. Heikel wird’s, wenn sich eine Schraube nicht lösen will oder das richtige Werkzeug fehlt, dann läuft uns die Zeit weg. Bei Operationen am Bein ist nach zwei Stunden Schluss. Notfalls kann man abbrechen, nähen und den Eingriff zu einem späteren Zeitpunkt beenden. Das geht bei Herz- oder Krebserkrankungen nicht.

Beitragsbild: privat

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