Traumberuf Schauspielerin

„Jetzt geht gerade alles auf!“

Ariane Erdelt – Schauspielerin und Coach

Es begann mit einem Riesenerfolg – und einer abgrundtiefen Enttäuschung. „Burning Love“ hieß das Stück, mit dem Ariane Erdelt in der Münchner Kleintheaterszene über Nacht bekannt wurde. Die junge, gerade 22 Jahre alte Hauptdarstellerin wurde für ihre Leistung mit Lob überschüttet und erhielt Rollenangebote von allen Seiten. Tout München pilgerte im Frühjahr 1985 ins kleine Theater am Sozialamt, mitten in Schwabing. Als Theaterwissenschaftlerin saß ich natürlich auch sehr bald im Publikum, keine Frage.

Fotos: Torsten Weidmann

Flammend rote Locken und lebhaft blitzende grüne Augen – Jahrzehnte später begegnete ich Ariane als Teilnehmerin einer Coaching-Ausbildung. Schon auf den ersten Blick kam mir diese Frau so unglaublich bekannt vor! Es dauerte, bis der Groschen fiel und ich mich an die junge Schauspielerin auf der Bühne des TamS erinnerte. Ich lernte Ariane Erdelt in einer Phase der Neuorientierung kennen. Wie ein Wirbelwind fuhr sie hierhin zu einem Casting und dorthin zu einem Vorsprechen und stellte mit unermüdlicher Kreativität Demobänder zusammen. Ich lernte, wie ärgerlich es ist, wenn man bei einem Dreh nur von der Seite zu sehen ist (eignet sich leider nicht fürs Demo). Ich bewunderte die Energie, mit der Ariane auf Filmfesten und einschlägigen Events unterwegs war. Und beobachtete, wie sie sich peu à peu ein zweites Standbein als Coach aufbaute. Was ich lange nicht wusste: Nur zwei Jahre nach ihrem Durchbruch als Schauspielerin hatte sie ihre vielversprechende Karriere beendet – und fing an Bücher zu verkaufen.

Ein Wahnsinnsvertrauensbruch

Liebe Ariane, du hättest sogar in der „Löwengrube“ eine Hauptrolle spielen können – die Serie ist preisgekrönt und gilt bis heute als ein absolutes Serien-Highlight. Aber nein, du hast die Rolle abgelehnt und den Schauspielberuf an den Nagel gehängt. Wie kam es dazu?
Nach dem Erfolg mit „Burning Love“ hatte ich viele Angebote, habe Theater an der Landesbühne Bruchsal gespielt und erhielt dann ein Engagement am Stadttheater Nürnberg – lauter Hauptrollen! Das war natürlich toll. Ich hatte allerdings eine Bedingung, und habe darüber mit dem Intendanten gesprochen: Ich wollte vertraglich festlegen, dass ich nicht nackt auf der Bühne stehen muss. Das kam für mich nicht infrage. Er hat sich das angehört und meinte, er habe es im Kopf, das bräuchten wir nicht schriftlich zu machen.

Klingt nach Vertrösten….
Gleich in der ersten Inszenierung musste ich mich ausziehen, er hat sein Versprechen einfach gebrochen. Das hat mich unglaublich gekränkt und führte zu einem Wahnsinnsvertrauensbruch in den Beruf. Ich war mit Idealismus angetreten und wollte Werte vermitteln! Stattdessen fragte ich mich, was ich da eigentlich mache und fühlte mich ausgeliefert.

Du hast dann zwölf Jahre lang nicht mehr gespielt – warum dieser radikale Bruch?
Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Ich war völlig überfordert. Alle zogen und zerrten an mir. Ich hatte das Gefühl, ich kann das gar nicht, ich bin gar nicht gut genug. Der Erfolg war so schnell gekommen und ich hatte Angst zu versagen. Die Kränkung und der Wunsch nach Sicherheit wurden übermächtig. Ich wollte mich nicht mehr aussetzen, sondern nur noch raus aus dem Dilemma.

Hast du den Schritt irgendwann bedauert?
Als meine Söhne klein waren, hatte ich irgendwann das Gefühl ich implodiere, wenn ich mich nicht künstlerisch ausdrücken kann! Ich habe ganz klein wieder angefangen und habe mit einem Freund an Szenen gearbeitet, die wir zum Auftakt von Gottesdiensten gespielt haben. Das war für mich, als würde ein Sargdeckel aufgehen!

Und Action!

Im Jahr 2000 fing Ariane Erdelt an, wieder zu drehen. “Der Regisseur Erwin Keusch kannte mich noch von früher und gab mir gleich eine große Rolle in seinem Film Liebe ohne Fahrschein“, erzählt die Schauspielerin. “Das ist auch typisch für die Branche, dass so etwas passieren kann!” Sie spielte im „Marienhof“ oder „Aktenzeichen XY“, übernahm Episodenrollen mit ein, zwei Drehtagen und stand in kleinen Produktionen auf der Bühne. „Mein Antrieb war ein anderer als früher“, stellt sie rückblickend fest. „Als junge Schauspielerin wollte ich eine Botschaft rüberbringen. Jetzt wollte ich tanzen, singen, meine Stimme ausbilden, mich mit Texten beschäftigen”,sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht.”Ich wollte aber auch wieder Geld verdienen und zum Familieneinkommen beitragen!“ Das mit dem Geldverdienen ist in der Theater- und Fernsehbranche so eine Sache. Bühnenproduktionen erfordern viel Einsatz und bringen wenig Gage. Beim Fernsehen werden Drehtage auf das Nötigste reduziert und die Konkurrenz ist groß. „Wirtschaftlich gesehen, ist das ein schwieriger Beruf“, räumt Ariane Erdelt ein. Mal geht was, dann wieder nichts. Die Gefahr, in der Warteposition zu verharren, ist groß. Mit dem Coaching hat sich die Schauspielerin ein zweites Standbein geschaffen – und ist dadurch „immer mit etwas zugange“.

Netzwerke schaffen

Filmfestivals, Schauspiel-Workshops und Weiterbildungen: Ariane Erdelt investierte Zeit und Geld in den Neuanfang, suchte sich eine Agentur, frischte Kontakte auf und fing an Tango zu tanzen („Da lebe ich auf!“). In einem Künstlerkreis fand sie den Austausch mit anderen Kreativen.

Warum ist es für Schauspieler wichtig, mit einer Agentur zusammenzuarbeiten?
Auch Agenturen sind keine Garantie für Rollenangebote, aber sie unterstützen Schauspieler darin, immer wieder auf dem Tisch von Produzenten und Casting-Agenturen zu landen. Verbände und Schauspielagenturen schauen sich sehr genau an, mit wem sie arbeiten. Es ist also gewissermaßen ein erstes Gütesiegel.

Du hast inzwischen mehrfach gewechselt. Was macht eine gute Agentur aus?
Es gibt Agenturen, die halten einen klein. Wenn aus einem Casting nichts wird, machen sie Druck und man kriegt nur Vorwürfe zu hören. Das ist extrem schwierig, denn man ist ja selber enttäuscht und fühlt sich noch mehr abgewertet. Gerade wenn es nicht so gut läuft, brauchen Schauspieler jemanden, der einen wieder aufbaut. Für mich ist deshalb entscheidend, dass ich mich „gesehen“ und wert geschätzt fühle. Es muss ein Verhältnis auf Augenhöhe sein. Und ich will mitdenken können. Schließlich hängt ja nicht alles an der Agentur. Ich pflege selber Kontakte, poste neue Bilder auf Facebook, werbe für mich und kriege Angebote. Das muss zusammenspielen.
Worauf achtest du bei der Auswahl?
Ich recherchiere, wen die Agentur in der Kartei hat und ob es da schon Frauen in meinem Alter gibt, die meinem Typ entsprechen. Das würde es mir schwerer machen, mich zu positionieren. Ich achte darauf, in welchen Produktionen die Schauspieler der Agentur eingesetzt werden und wie viel sie drehen. Auch der Preis spielt natürlich eine Rolle. Etwa zehn Prozent der Bruttogage gehen an die Agentur, bei Werbung zwanzig. Manche nehmen mehr – das ist dann Verhandlungssache.

Mutig sein!

Mit dem Entschluss eine Coaching-Ausbildung zu machen, eröffnete sich Ariane Erdelt neue Wege. „Mir war klar, dass eine Grundbegabung da war.“ Während ihrer Familienzeit hatte sie sich viele Jahre ehrenamtlich engagiert, Gesprächsabende moderiert und mit vielen Menschen gesprochen, die in schwierigen Situationen feststeckten. Heute kommen Klienten zu ihr, die sich Begleitung und Unterstützung wünschen, um eine Entscheidung zu treffen oder neue Schritte zu gehen. Manchmal ist sie selbst überrascht, wie sehr die Ausbildung auch ihre Arbeit als Schauspielerin geprägt hat. „Ich habe gelernt, in schwierigen Situationen nicht zu flüchten, sondern Konflikte mutig anzusprechen und nach einer Lösung zu suchen“, sagt sie. Selbstbewusst geht sie eigene Projekte an und steht mit dem Stück „Ganz FRAU “ allein auf der Bühne. “Das Soloprogramm habe ich selbst entwickelt”, erklärt Ariane Erdelt. “Mit Witz und doch hintergründig geht es darin um das aktuelle Thema Gendermainstreaming, die ewige Baustelle Partnerschaft und den ganz normalen Wahnsinn einer Frau.”

Jeder Flyer, mit dem Ariane Erdelt um neue Klienten wirbt, ist von ihr selbst erstellt. Sie hält ihre Webseiten aktuell, lässt sich neue Angebote einfallen und bildet sich ständig weiter. „Ich kann die Entwicklung aktiv vorantreiben und muss nicht auf das nächste Rollenangebot warten.“ Vor zwei Jahren hat sie sich einen Traum erfüllt und ein Häuschen am Starnberger See gemietet. Ein idyllisches Refugium, das sie für ihr Rollenstudium nutzt und als Domizil für ihre Coachings etablieren will. „Es muss sich tragen!“ Die Idee, sich als Coach gezielt an Schauspieler zu wenden, lag anfangs nahe – funktionierte aber nicht. Dafür entwickelten sich ganz andere Varianten: Mit Schülern arbeitete sie an einem Jugendmusical, sie begleitete die Choreografin eines Tanzprojektes als Coach und beriet sie bei der Regie. Aktuell steht ein Filmprojekt für ein Unternehmen an. „Jetzt geht gerade alles auf“, stellt sie fest. „Diese ganzen künstlerischen Überschneidungen sind schon bemerkenswert.“ Vom Himmel fiel der Erfolg nicht. „Ich habe meine Hausaufgaben gemacht“, sagt sie heute. „Ich war immer da, wo was ist und wo man was lernen kann.“

Wer sich bewegt, kommt voran!

Nach wie vor gibt es Momente, in denen sie sich fragt, wie es weitergehen wird, wann der nächste Auftrag kommt. Aber dann klingelt das Telefon, wie an diesem Nachmittag, oder jemand klopft unvermutet an ihrem Häuschen an. „Seit zwei Jahren tut sich immer wieder was“, sagt sie. „Und das ist neu.“ Wer sich bewegt, kommt voran! Mit diesem Motto ermuntert Ariane Erdelt potenzielle Klienten. Sie selbst ist dafür das beste Beispiel.

Gastspiel bei den „Rosenheim Cops“: Im Herbst 2014 ist Ariane Erdelt zum zweiten Mal in der beliebten Vorabendserie im ZDF zu sehen.

Derzeit noch auf der Mediathek: „Der Schlaf des Gerächten“

www.ariane-erdelt.de
www.coachmobil.com

Die Schauspielerin Josefine Preuß stand schon als Schülerin vor der Kamera. Mehr dazu in meinem FAZ-Beitrag “Traumjob Schauspielerin”.

Fotos: Torsten Weidmann, BR
Beitragsbild: Gunda Achterhold

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.