„Ich geh zu Theo“

Das Windspiel über der Tür kündigt jeden Kunden mit hellem Gebimmel an – dabei braucht es das eigentlich nicht. Wer den kleinen Laden in der Wirtsbreite betritt, steht mit einem Schritt direkt vor der Theke und wird von Theo Halvatzis oder seiner Frau Olga mit einem herzlichen Lächeln begrüßt.

Ja, man kann hier einkaufen. Die Würstel sind gut, die Brezn frisch und der Fleischsalat genießt im Viertel Kultstatus. Aber an diesem Ort geht es um viel mehr: Der kleine Laden ist das Herz und die Seele der Siedlung am Kieferngarten – Fußballfans kennen die Gegend vielleicht von Besuchen in der Allianz Arena. Wer zu Theo und Olga kommt, wird immer freundlich empfangen und findet jemanden zum Reden. Nicht nur für die Älteren ist das an trüben Tagen ein Segen, auch die Jüngeren fühlen sich magisch angezogen von Gelbwurst und Gummischlangen. Generationen von Kindern standen schon aufgeregt und mit einem größeren Geldstück in der klebrigen Faust vor den beiden und kauften zum allerersten Mal in ihrem Leben alleine Semmeln (meine auch).  Inzwischen sind es schon die Kinder der Kinder, denen Olga zerknüllte Einkaufszettel aus der Hand nimmt.

Vor fast 28 Jahren zogen wir von Mainz in den Münchner Norden, unsere Tochter war gerade ein Jahr alt. Die Infrastruktur im Viertel war relativ zügig erschlossen, direkt um die Ecke tat sich allerdings was. Ein junges Paar mit zwei kleinen Jungs übernahm den Laden von Frau Janesch, die das Geschäft 1950 gegründet und über Jahrzehnte geführt hatte. Milch wurde in den kargen Nachkriegsjahren noch auf Eisstangen in einem alten Eisschrank gekühlt. Blieben ein paar Liter übrig, wurden sie von hilfsbereiten Nachbarfamilien abgekocht und bis zum nächsten Tag haltbar gemacht. Das alles ahnte ich damals nicht. Aber ich erinnere mich gut an die ebenso beherzte wie herzliche Frau Janesch, die noch manches Mal aushalf und mit hinter der Theke stand. Sie überließ „Frau Olga“ das Rezept für ihren auch damals schon legendären Fleischsalat und unterstützte die junge Familie, wo immer es ging. Die neuen Pächter übernahmen das Inventar, dekorierten die Zierleisten oberhalb der Backwaren mit Theos Trophäen aus der Welt des Fußballs, und machten weiter.

„Das ist viel mehr als ein Geschäft!“

Sechs Tage die Woche stehen Theo und Olga seitdem im Laden, und ihr Arbeitstag fängt früh an. Um vier Uhr morgens klingelt der Wecker, samstags schon um drei. Noch im Dunkeln kommen die Ersten vorbei, auf dem Weg zur Arbeit oder in die Berge. Bis dahin sind Brote, Semmeln und Brezn in Körben und Regalen verstaut, Zeitungen einsortiert, die Wurstwaren liegen in der Kühltheke bereit. Wie könnt ihr „so einen“ Laden eigentlich halten? Diese Frage haben die beiden schon häufig gehört. „In Stunden darf man das gar nicht ausrechnen“, sagt Olga, die vom Tölzer Land nach München kam. „Aber das Geschäft ist für uns ja auch viel mehr als ein Beruf, das hier ist unser Leben.“ Sie schüttelt leicht den Kopf, während sie ein Töpfchen Taramas aus der Kühlung holt. Als könne sie es selbst nicht fassen. „Wir kennen alle hier in der Siedlung, haben viele von ihnen schon als Kinder aufwachsen sehen. Manche schauen jeden Tag mal eben kurz vorbei.“ Entsprechend familiär ist die Atmosphäre. Zwar macht auch am Kieferngarten die Zeit nicht halt – an allen Ecken und Enden legen Bagger die Siedlerhäuschen flach. Doch auch Neulinge aus den Zwei- und Dreispännern tauen nach einigen Besuchen im kleinen Laden auf und gehören dazu. Was auch immer gerade Thema ist, wird hier lebhaft diskutiert. Samstags sind natürlich die Träume vom Aufstieg der Münchner Löwen dran.

Ein Ort der Nähe – auch in Zeiten des Abstands

Das ist oft heiter und man geht frohen Herzens mit seinen Semmeln wieder davon. Aber viele kommen auch mit ihren Sorgen und Nöten, auf der Suche nach einem offenen Ohr. „Gerade im Moment merken wir, wie viele Menschen einsam sind, oder auch depressiv“, erzählt Olga. Vor allem die Geschichten der älteren Siedlergenerationen, die jetzt in die Jahre kommen und gebrechlicher werden, gehen ihr ans Herz. Theo nickt, während er einer Kundin und ihrer kleinen Tochter einen dicken Batzen „Kinderwurst“ schneidet. Und vergisst darüber sogar sein „Haben fertig?“, mit dem er seit Trapatonis legendärem Auftritt zuverlässig jeden Kauf abrundet.

Bis auf die Plexiglasscheibe, die seit Corona schützend vor der Kasse hängt, hat sich in dieser ganzen langen Zeit fast nichts verändert. Okay, die Müllmänner stehen gerade nicht mehr im Laden und machen Brotzeit. Und die Laufwege einmal um die Mittelregale sind auch „neu“. Aber alles steht, wo es immer stand. Und das heimelige Gefühl ist dasselbe. Alle warten brav mit Masken vor dem Gesicht vor der Tür, bis wieder Platz ist. Eile war hier noch nie ein Thema. Und niemand, wirklich niemand möchte, dass ausgerechnet an diesem Ort etwas passiert. „Zu Theo gehen“ ist ein Ritual, das für viele Menschen im Viertel zum Leben gehört. Und in Zeiten von Corona wird es erst recht zum Highlight des Tages.

Brauchen wir noch was? Ich geh zu Theo.

 

Fotos: LH München Slg. Karl Reitmeir/Klaus Achterhold

4 Gedanken zu „„Ich geh zu Theo“

  1. Angela Strobl

    Hallo Frau Achterhold,
    Bei dem Beitrag über „Theo“ ging mir das Herz auf. Unser „Onkel-Theo-Laden“ ist so ein wichtiger Ort in Freimann. Und ein Ratsch am Samstagmorgen verzögert unser Frühstück oft bis mittags 🙂
    Seien Sie ganz herzlich gegrüßt von
    Angela Strobl , der Mama von Nina

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  2. Uta Winkhaus

    Da wird einem ganz warm ums Herz. Was für eine bewegende Geschichte. Hoffentlich schaffen wir es bei einem unserer nächsten Besuche im Kiefergarten auch mal zu Theo und Olga!

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